»Nationalismus heute ist überholt und aktuell zugleich«, schreibt Theodor W. Adorno im Jahr 1959. Diese ambivalente Diagnose hat ihren Grund darin, dass der Nationalstaat als identifikatorisches Modell zwar historisch obsolet geworden sei, ihm dennoch aber weiterhin eine mythische Kraft zugeschrieben werden müsse. Die Konferenz schließt an diese Ambivalenz des Nationalen in der Gegenwart an. Sie will die ›Ästhetischen Figurationen des Politischen‹ sowohl systematisch wie auch historisch umfassend analysieren, d. h. unter Einbezug aller Medien und aller künstlerischer Formen.
Den Ausgangspunkt für unsere Konferenz bildet die Annahme, dass das politische Leben nicht erst durch staatliche Institutionen, sondern primär durch Imaginationen und ästhetische Inszenierungen einer Ganzheit des Kollektivs hervorgebracht wird. Aus kulturwissenschaftlicher Perspektive wird argumentiert, dass auch die Möglichkeit nationalstaatlicher Organisation erst durch diverse Modi ästhetischer Repräsentation bzw. »imaginärer Gemeinschaften« (Benedict Anderson) gegeben war. So hat der Staat zwar institutionelle politischen Verkörperungen (z.B. durch polizeiliche Organe), aber eine gemeinsame Einheit und Ganzheit erhält er nur durch eine zweite, imaginäre Instanz: einen »zweiten Körper«. Ob und inwieweit Kantorowicz’ Theorie der »zwei Körper des Königs« demnach auch für den politischen Körper insgesamt gilt (und historisch über die Epoche des Absolutismus hinaus gültig bleibt), soll im Rahmen unserer Konferenz diskutiert werden.
In der Moderne werden die Figurationen des Politischen auf mindestens dreifache Art komplexer als in dem von Kantorowicz beschriebenen Modell der Verkörperung des Staates in der Figur des Monarchen.
Erstens reduziert das Prinzip der Volkssouveränität die Bedeutung der Person des Herrschers für die ästhetische Repräsentation des Politischen: Wenn der Souverän kein absolutistischer Fürst mehr ist, muss die Einheit des Politischen nicht mehr durch den Körper eines Monarchen repräsentiert werden.
Zweitens hat sich die massenmediale Situation seit Beginn des 19. Jahrhunderts verändert: Die ancien regimes der absolutistischen Fürsten kontrollierten eine überschaubare Palette an medialen Repräsentationen (vor allem Gemälde, Statuen oder theatralische Inszenierungen), aber seit dem 19. Jahrhundert gestalten alle denkbaren ›neuen‹ Medien die Figurationen des Politischen (mit).
Drittens ist der Nationalstaat – im Zuge des europäischen Vereinigungsprozesses und der ›Globalisierung‹ – kein konkurrenzloser Akteur des Politischen mehr.

Die skizzierte Fragestellung wollen wir in drei thematischen Panels untersuchen:
1) Fiktionen/Imaginationen. Ästhetische Figurationen des Politischen in der Perspektive ästhetischer Analysen: Welcher Zusammenhang besteht zwischen ästhetischen Objekten (Texten oder Bildern) und dem politischen Imaginären? Welcher Zusammenhang von ›Ästhetik‹ und ›Politik‹ wird in den ästhetischen Figurationen des Politischen erkennbar?
2) Gemeinschaften/Nationen. Ästhetische Figurationen des Politischen in der Perspektive politischer Philosophie: Welche ästhetischen Figurationen des Politischen zeigen sich heute angesichts der vieldiskutierten Problematisierung des Nationalstaats im 20. Jahrhundert (im Zuge der ›Globalisierung‹)? Wie verhalten sich politische Philosophien der ›Gemeinschaft‹ zum Prinzip des Nationalstaats? Gibt es so etwas wie ästhetische Figurationen Europas?
3) Sichtbarkeiten/Medien. Ästhetische Figurationen des Politischen in medientheoretischer Perspektive: Wie gestalten technisch-mediale Bedingungen – etwa von Fotografien, Filmen und anderen medialen Repräsentationen bis hin zu ›sozialen Netzwerken‹ im Internet – die ästhetischen Figurationen des Politischen? Welche medienästhetischen Aspekte lassen sich damit im Einzelnen verbinden? Welche konkreten Medienpraktiken spielen dabei mit hinein?